Deepfakes sind Bilder, Videos oder Tonaufnahmen, die mit KI erzeugt oder verändert wurden und echt wirken können. Sie lassen Menschen scheinbar Dinge sagen oder tun, die sie nie gesagt oder getan haben.
Der Finanzchef ist auf dem Bildschirm. Jedenfalls sieht es für den Mitarbeiter in Hongkong so aus. Er kennt das Gesicht. Die Nachricht aus der britischen Zentrale handelt von vertraulichen Transaktionen, jetzt gibt es dazu eine Gruppen-Videokonferenz. Anschließend folgen weitere Anweisungen per Messenger. Der Mitarbeiter veranlasst die Zahlungen.
Als der Betrug auffliegt, fehlen rund 200 Millionen Hongkong-Dollar. Damals umgerechnet knapp 24 Millionen Euro.
Das Ingenieurunternehmen Arup wurde Anfang 2024 Opfer dieser Täuschung. Nach Angaben der Hongkonger Behörden hatten die Täter öffentlich verfügbare Video- und Sprachaufnahmen genutzt, um die Konferenz vorzutäuschen. Sie war vorproduziert. Mit dem echten Finanzchef hatte der Mitarbeiter gar nicht gesprochen.
Die Betrüger mussten also kein Gespräch führen, in dem sie jede Rückfrage überzeugend beantworten konnten. Sie mussten eine Situation schaffen, in der jemand ihrem Video vertraute und anschließend handelte.
Mit generativer KI lassen sich Gesichter austauschen, Lippenbewegungen verändern und Stimmen nachahmen. Dafür braucht es nicht immer ein Video. Bei einem Schockanruf kann ein Stimmklon die vermeintliche Notlage eines Angehörigen noch glaubwürdiger machen. Die bekannte Stimme soll dafür sorgen, dass du zahlst, bevor du nachdenkst.
Aber Geldbetrug ist nur ein Teil des Problems.
Menschen werden in pornografische Bilder und Videos montiert, ohne je an solchen Aufnahmen beteiligt gewesen zu sein. Die Fälschungen werden verbreitet, um sie zu demütigen, einzuschüchtern oder zu erpressen. Dass der Körper auf dem Bild nicht ihrer ist, macht den Angriff auf sie nicht weniger real.
In der Politik können erfundene Aussagen Gegner diskreditieren oder Konflikte anheizen. Solche Inhalte entstehen auch in organisierten Einflusskampagnen. Der Europäische Auswärtige Dienst dokumentiert entsprechende Netzwerke insbesondere aus Russland, die Falschinformationen verbreiten und das Vertrauen in demokratische Institutionen untergraben sollen.
Und auch Regierungen verbreiten manipulierte Aufnahmen. Das Weiße Haus veröffentlichte 2026 ein verändertes Foto der Anwältin Nekima Levy Armstrong nach ihrer Festnahme. Im Original ist ihr Gesicht ruhig. In der verbreiteten Fassung ist es zu einer weinenden Grimasse verzerrt, ihre Haut erscheint dunkler. Eine Regierung führt eine festgenommene Frau öffentlich mit einem manipulierten Bild vor. Das ist eine gezielte Herabsetzung über einen offiziellen Regierungskanal.
Für die Menschen, die solche Bilder sehen, bleibt dieselbe Frage: Was kann ich überhaupt noch glauben?
Sie können uns eine erfundene Geschichte glauben lassen. Sie können aber auch dazu führen, dass wir echte Aufnahmen nicht mehr ernst nehmen. Wer mit einem belastenden Video konfrontiert wird, kann schließlich behaupten, es sei mit KI gemacht. Dann müssen andere erst mal belegen, dass es echt ist.
Es reicht längst nicht mehr, nach seltsamen Händen oder unpassenden Lippenbewegungen zu suchen. Entscheidend bleibt, woher eine Aufnahme kommt, was sich über ihre Entstehung herausfinden lässt und welche unabhängigen Belege es dafür gibt.
Technik kann dabei helfen. Manche Kameras und Programme können Herkunft und Bearbeitungsschritte in sogenannten Content Credentials festhalten und mit digitalen Signaturen absichern. Dazu kommen unsichtbare Wasserzeichen wie Googles SynthID, mit denen sich KI-generierte Inhalte kennzeichnen lassen. Lauter unterschiedliche Ansätze, die Hinweise liefern, aber Fälschungen nicht verhindern. Ein Herkunftsnachweis beweist auch nicht, dass die gezeigte Szene wahrheitsgetreu eingeordnet ist. Und fehlt der Nachweis, ist das Bild deshalb noch lang kein Fake.
Ich möchte nicht dahin kommen, dass wir grundsätzlich nichts mehr glauben. Aber ein vertrautes Gesicht, eine bekannte Stimme und ein offizieller Account dürfen die Prüfung nicht ersetzen.
Tipp
Bevor du eine brisante Aufnahme teilst, suche nach ihrer ursprünglichen Quelle und unabhängigen Bestätigungen. Die Rückwärtssuche mit Google Bilder oder Google Lens kann dir weitere Fundstellen und möglicherweise eine frühere, unveränderte Fassung zeigen. Bei ungewöhnlichen Geldforderungen legst du auf und rufst über eine bereits bekannte Nummer zurück, nicht über die angezeigte Nummer. Vereinbare mit deiner Familie ein geheimes Kennwort. Im Unternehmen gelten feste Rückruf- und Freigaberegeln auch dann, wenn der vermeintliche Chef im Video zur Eile drängt.