Steinzeit.
SCHULZEIT
Angefangen hat es im Kinderzimmer mit selbst getackerten Geschichten und meinem eigenen Radioprogramm auf Kassette: Moderationen selbst eingesprochen, Musik aus dem Radio mitgeschnitten. Vorausgesetzt, der Moderator quatschte nicht wieder in den Song hinein.
Später schrieb ich für unsere Schülerzeitung „Chamäleon“ und die ersten kleinen Artikel für die Lokalzeitung. Dort diktierte der Chefredakteur seine Texte noch der Sekretärin. Und beim Seitenlayout wurde tatsächlich Hand angelegt: Textstreifen zurechtschneiden, mit Wachskleber aufkleben, bei Bedarf wieder ablösen und verschieben.
Cut & Paste. Damals brauchte man dafür noch eine Schere.
Einmal alles, bitte.
STUDIUM
Studiert habe ich Politik, Recht und amerikanische Kulturgeschichte. Journalismus stand nicht auf dem Stundenplan. Also organisierte ich mir meine praktische Ausbildung selbst. Und weil ich mich partout nicht für eine Richtung entscheiden konnte, wurde daraus eine Expedition durch sämtliche Aggregatzustände des Journalismus.
Andere sammelten Briefmarken. Ich sammelte Redaktionen.
Ich schrieb für Lokalzeitungen, arbeitete beim Radio und Fernsehen, schaute in Pressestellen hinein und landete sogar im Bundesarbeitsministerium in Bonn. Dort lernte ich Norbert Blüm kennen und schrieb ein Positionspapier über das Altern in der Fremde. Bei der BBC in London durfte ich später den dreifachen Oscar-Preisträger Vittorio Storaro interviewen. Die Kassette habe ich noch.
Radio bedeutete damals übrigens auch: Tonband schneiden. Mit einer Rasierklinge. Wer sich verschnitt, konnte schlecht auf „Rückgängig“ klicken. Da half höchstens ein sehr sorgfältig geklebtes Stück Band.
Irgendwann musste ich mich dann doch entscheiden. Es wurde das Fernsehen. Da hatte ich wenigstens Wort, Bild und Ton auf einmal.
Plan B auf Sylt.
TALKSHOW
Mein erster großer Job nach dem Studium: Producerin bei „Arabella“. Für unsere erste große Außenproduktion auf Sylt war ich gemeinsam mit einem Kollegen verantwortlich. Acht Sendungen wollten wir dort aufzeichnen.
Am Tag vor der ersten Aufzeichnung fegte ein Sturm über die Insel. Unser Studio stand auf einer besonders windigen Ecke der Strandpromenade: große Metallgerüste, daran Scheinwerfer und jede Menge Technik. Wenn uns das um die Ohren flog, war nicht nur die Kulisse hinüber. Die gesamte Produktion stand auf dem Spiel.
Absagen? Bei acht Sendungen, einem ganzen Team und Wagen voller Sendetechnik? Eine ziemlich teure Vorstellung.
Also Blumen für die Bürgermeisterin von Westerland besorgt, die Konzertmuschel als Ersatzstandort organisiert und den Pianisten, der dort eigentlich auftreten sollte, mit einem Erinnerungsvideo überredet, für uns früher Schluss zu machen. Währenddessen baute unser Team über Nacht das neue Studio auf.
Am nächsten Tag waren die Ränge voll. Wir konnten aufzeichnen.
Das war typisch für diese Mannschaft. Redaktion, Technik, Studiobau – wenn es brenzlig wurde, packten alle an. Niemand diskutierte erst, in wessen Stellenbeschreibung das Problem eigentlich fiel.
Vielleicht treffen wir uns deshalb bis heute alle fünf Jahre zur großen Arabella-Party. Nach rund 30 Jahren.
Shoutout an die ganze Bande. Ihr wart großartig!
Hier ist die Grenze.
9. JUNI 1995
Wir saßen zu zweit im Redaktionsbüro und unterhielten uns, während unsere Assistentin die Post öffnete. Dann knallte es. Ein Pfeifen im Ohr, Papierfetzen, Blut. Auf dem Boden lagen Drähte und Batterien. Ich brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, was passiert war.
Eine Briefbombe.
Sie war an Arabella Kiesbauer adressiert und stammte von Franz Fuchs, dem rechtsextremen Attentäter, der Österreich jahrelang mit Briefbomben und Sprengstoffanschlägen terrorisierte. Unsere Redaktionsassistentin wurde im Gesicht verletzt und kam mit einem schweren Schock ins Krankenhaus. Ich kam mit einem Knalltrauma davon.
Ich wusste schon vorher, was ich von Rassismus und Menschenverachtung halte. Aber wenn man erlebt hat, dass jemand bereit ist, einen anderen Menschen wegen seiner Herkunft oder Hautfarbe zu töten, bekommt dieses Wissen eine andere Schärfe.
Deshalb will ich bei solchen Dingen nicht still sein. Nicht im Beruf, nicht im Privaten, nicht aus Höflichkeit und schon gar nicht, weil Widerspruch gerade unbequem wäre. Wer Menschen wegen ihrer Herkunft, Religion, Hautfarbe, sexuellen Orientierung oder Lebensweise herabsetzt, muss mit meinem Widerspruch rechnen.
Das gilt auch für Menschen, die mit mir arbeiten oder Geschäfte machen wollen. Ich bin in vielen Dingen kompromissbereit.
Hier nicht.
Wo ist mein Truck?
NACHRICHTEN
Bei ProSieben hatte ich fast jeden Schreibtisch in der Nachrichtenredaktion einmal von der anderen Seite gesehen: Redakteurin, Planung, Schlussredaktion, Chefin vom Dienst. Am Ende verantwortete ich die Hauptnachrichtensendung. Welche Themen kommen rein? Was wird der Aufmacher? Wie lang darf ein Beitrag sein? Und was fliegt raus, wenn kurz vor der Sendung noch etwas passiert?
Manchmal tauschte ich den Redaktionsschreibtisch gegen einen Platz vor der Kamera. Zur Beerdigung von Prinzessin Diana berichtete ich aus London. Vor einer Liveschalte musste ich dort allerdings erst einmal unseren Übertragungswagen finden. The Mall war vollgestellt mit SNGs aus aller Welt. Überall Satellitenschüsseln, Kabel, Kamerateams. Irgendwo dazwischen wartete mein Truck.
War er gefunden, begann das vertraute Ritual: Sendeplatz gebucht, Verbindung aufgebaut, Knopf im Ohr, Countdown. Und dann war ich live.
Heute genügt dafür technisch ein Smartphone.
Ich vermisse die Übertragungswagen keine Sekunde. Aber wenn ich daran denke, wie viel Technik damals nötig war, um ein paar Minuten live aus London zu berichten, kommt mir die Hosentasche gelegentlich wie ein kleines Wunder vor.
Nicht sendefähig.
VIDEOJOURNALISMUS
Bei ProSieben hatte ich Kameraleute und Cutter regelmäßig mit Fragen gelöchert. Was macht dieser Knopf? Darf ich auch mal? Kann ich mal kurz?
Als ich dort ausstieg, ersteigerte ich bei eBay einen Mini-DV-Camcorder. Geschnitten wurde auf einem kleinen PC im Keller, mit kostenloser Avid-Software. Eben noch eines der modernsten Fernsehzentren Europas, jetzt ein Kellerraum mit Rechner und Kamera. Die technische Ausstattung war überschaubar. Meine Begeisterung nicht.
Denn auf einmal konnte ich selbst drehen, schneiden und entscheiden, wie ich eine Geschichte erzählen wollte. Ohne Kamerateam, ohne Schnittplatzbuchung und ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen.
„Sowas ist nicht sendefähig“, bekam ich damals oft zu hören.
Ich fand’s herrlich.
Heute liegt der Camcorder im Keller zwischen Füllspachtel und Kabelsalat. Er zeichnete auf Band auf, HD konnte er nicht. Kaum hatte er mir die Zukunft gezeigt, war er selbst schon Elektroschrott.
Der rote Knopf
MOBILE JOURNALISM
Die Flip-Kameras hatten ein bemerkenswert kurzes Gastspiel. Dabei war die Idee genial: eine Videokamera, die man bedienen konnte, ohne vorher ein Handbuch von der Dicke eines Ziegelsteins zu studieren. Einschalten, roten Knopf drücken, fertig. Auf Journalistenkongressen wurden die kleinen Dinger gefeiert, und selbst Redaktionen, die mit Video bis dahin wenig anfangen konnten, entdeckten plötzlich ihre Begeisterung.
Ich fand die Idee auch gut. Nur hätte ich gern ein externes Mikrofon angeschlossen und eine Speicherkarte eingelegt. Beides war bei der Flip nicht vorgesehen. Also kaufte ich für meine Seminare mehrere Kodak Zi8. Genauso einfach zu bedienen, aber mit den Anschlüssen, die ich brauchte.
Kaum hatten wir uns an die Pocket-Camcorder gewöhnt, konnten die Smartphones plötzlich dasselbe. Und noch einiges mehr. Mit iMovie ließ sich der Film direkt auf dem iPhone schneiden. Die kleinen Kameras waren praktisch über Nacht überflüssig. Die Technikbranche ist bei Beerdigungen nicht besonders sentimental.
Für Mobile Reporting ging es damit erst richtig los. Eine Kamera, die ohnehin jeder dabeihatte, veränderte die Spielregeln. Langzeitreportagen, Drehs an Orten, an denen ein großes Kamerateam sofort auffallen würde, Videos, die vorher am Budget gescheitert wären. Und das längst nicht nur im Journalismus. PR, Marketing und unabhängige Filmemacher entdeckten dieselben Möglichkeiten. Inzwischen werden sogar große Kinofilme mit Smartphones gedreht. Aus dem vermeintlichen Notbehelf ist professionelle Produktionstechnik geworden.
2023 wurde übrigens mein Film „The Organ Builders“, den ich komplett mit dem Smartphone gedreht und geschnitten habe, mit dem Mobile Journalism Award ausgezeichnet.
Welcher Fluss?
GENERATIVE KI
Im Herbst 2022 saßen wir mit der Familie am Tisch und probierten ChatGPT aus. Offiziell gab es das bei uns noch gar nicht. Aber ein paar technische Umwege später waren wir drin.
Wir fragten nach einer Stadt, die wir ziemlich gut kannten. ChatGPT offenbar weniger. Es erfand Sehenswürdigkeiten und schließlich sogar einen Fluss. Und erklärte uns das alles mit einer Selbstsicherheit, als wären wir diejenigen mit den geografischen Wissenslücken.
Ich war begeistert.
Nicht von den geografischen Kenntnissen, sondern von der Sprache. Wir konnten mit einer Maschine reden, nachfragen, widersprechen, und sie antwortete, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt.
Mir wurde ziemlich schnell klar, dass wir da nicht einfach mit einem neuen Computerprogramm spielten. Wenn Maschinen so mit uns kommunizieren können, wird das nicht beim Schreiben von Texten bleiben. Das wird überall auftauchen. Im Büro, in der Schule, bei der Arbeit. Ob wir wollen oder nicht.
Und genau deshalb beschäftigt mich nicht nur, was KI alles kann, sondern auch, wer darüber bestimmt. Im Moment liegt unglaublich viel Macht bei unglaublich wenigen Unternehmen. Und während die Technik immer überzeugendere Bilder, Stimmen und Geschichten erzeugt, wissen viele Menschen noch nicht einmal, was damit längst möglich ist.
Schon seit vielen Jahren fordere ich, dass Medienkompetenz in der Schule einen festen Platz bekommt. Früher ging es darum, Quellen zu prüfen und nicht alles zu glauben, was irgendwo im Internet steht. Heute muss man außerdem damit rechnen, dass die freundliche Stimme, das überzeugende Foto und der ausführliche Augenzeugenbericht komplett erfunden sind.
So wie unser Fluss.
Wenn es klick macht.
SEMINARE
Der Videokurs war vorbei. Eine Teilnehmerin drehte trotzdem weiter. Im Zug, auf dem Heimweg. Noch bevor sie zu Hause war, hatte ich ihr Video im Postfach.
Solche Momente liebe ich!
Manche kommen ins Seminar und haben erst mal Angst vor der Technik. Bei KI ist die Skepsis oft noch größer. Was kann das eigentlich? Was macht es mit meinem Beruf? Und wie soll ich da überhaupt mitkommen?
Kurz darauf werden Videos gedreht, KI-Werkzeuge bedient und erste Ergebnisse bestaunt. Nicht alles davon ist brauchbar. Aber auch das ist eine Erkenntnis.
Im Seminar muss nicht gleich etwas Vorzeigbares entstehen. Hier darf man testen, spielen, Fehler machen und auch mal von vorne anfangen. Ohne Chef im Nacken, ohne Abgabetermin.
Denn erst wenn der Druck weg ist, kommt die Freude am Ausprobieren. Und oft auch der Moment, in dem es plötzlich klick macht.
Ich habe natürlich Glück mit meinen Themen. Bei Multimedia und KI lässt sich vieles direkt praktisch umsetzen. Bei einem Seminar über die „Neufassung der Verwaltungsvorschrift zur Durchführung der Reisekostenverordnung“ stelle ich mir das schwieriger vor. Spätestens nach Folie 47.
Eine KI darf auch mal grandiosen Unsinn verzapfen. Gerade dabei lernt man, ihre Ergebnisse kritisch zu prüfen. Oft braucht es gar nicht viel: eine gute Idee, ein paar nützliche Werkzeuge und den Mut, einfach anzufangen. Das eigene Gehirn sollte man allerdings eingeschaltet lassen.
Mich selbst treibt seit jeher die Neugier an. Wenn ein neues Werkzeug auftaucht, will ich wissen, was damit geht. Und was nicht. Wenn diese Neugier im Kurs überspringt, ist schon viel gewonnen.
Manchmal bekomme ich Jahre später einen Link. Zu einem Video, einer multimedialen Geschichte oder einem Projekt, das jemand inzwischen ganz selbstverständlich umsetzt. Dann weiß ich: Da ist was hängen geblieben.
Das ist mir lieber als jede noch so freundliche Seminarbewertung.